|
| Offizielle Homepage von Henryk M. Broder |
|
Das Letzte Das 11. Gebot und der Atem der Geschichte Das Problem mit der deutschen Wirklichkeit ist, dass sie inzwischen eine satirische Qualität erreicht hat, die man nicht toppen kann. Kein Mensch hat die Phantasie, sich die Geschichten auszudenken, die wirklich passieren.
Die Kanzlerin macht einen Adventskalender für Hunde, die UNICEF-Botschafterin Christiansen beteiligt sich an einem Hunde-Pflege-Salon, natürlich nur, um mit den Erlösen Not leidenden Hunden zu helfen, Artur Brauner, 86, dreht noch einen Film über Auschwitz, diesmal mit Sibel Kekilli, 24, in der Hauptrolle, der Kanzler-Bruder Lothar Vosseler stellt einen Antrag auf Hartz 4 und sagt: »Seit Gerhard Kanzler ist, geht für mich alles schief.« Demnächst erscheint sein Buch: »Der Kanzler, leider mein Bruder, und ich«. Mal ehrlich, Freunde, Kameraden, Volksgenossen, wer von Euch wäre in der Lage, sich so etwas auszudenken? Ich selbst weiß von diesen Geschichten nur, weil ich täglich BILD lese, Deutschlands auflagenstärkste und innovativste Tageszeitung. Ich kann die Lektüre der BILD jedermann und jederfrau nur empfehlen. Das Tolle an BILD ist: Dort, wo die Wirklichkeit definitiv aufhört, da läuft BILD zur Hochform auf. Dafür ein ziemlich frisches Beispiel: BILD bringt, in Zusammenarbeit mit dem Verlag Weltbild, »eine Edelausgabe der Heiligen Schrift« heraus, die »Volksbibel« für 9,95 Euro, 2,5 Kilo schwer, 13o4 Seiten dick, 21 mal 29 Zentimeter groß. Also ein echt dickes Ding für alle, die den Satz »Geiz ist geil« für das 11. Gebot halten. Normalerweise wäre so ein Produkt in der Literatur-Ecke bei ALDI vorgestellt worden, präsentiert von Eugen Drewermann oder Friedrich Schorlemmer. Weil aber BILD bestens vernetzt ist und Kontakte in alle Chefetagen hat, fahren acht Bild-Redakteure unter der Führung von Kai Diekmann nach Rom, um dem Papst ein druckfrisches Exemplar der Volksbibel zu übergeben. Am Tag nach der »Papst-Audienz für BILD im Vatikan« lesen wir in der BILD, was Kai Diekmann dem Heiligen Vater gesagt hat: »BILD ist die größte Zeitung Europas. Mit über 12 Millionen Lesern täglich ist uns auch die Verbreitung der christlichen Glaubensbotschaft ein ernstes Anliegen. Die Bibel ist nicht nur das Buch der Christen, sondern Grundlage der gesamten abendländischen Kultur.« Wir sehen, wie Kai Diekmann dem Papst die Bibel übergibt (»Gruppenbild mit Papst und BILD-Bibel«) und wir lesen eine herzbewegende kleine Reportage von Norbert Körzdörfer, der nix dafür kann, dass er so heißt, sehr wohl aber dafür, wie er schreibt: »Die BILD-Delegation, ganz in Schwarz, schreitet sanft über den kühlen Marmor und die dicken gespannten Teppiche ... Man empfindet Ehrfurcht und Geborgenheit. Den Atem der Geschichte und der Ewigkeit ... Der Abschied. Das Ende. Ein Sekretär flüstert: 'Er weiß, dass Sie auf der Seite der Armen, Kranken und Schwachen sind.' Wir gehen. Die Tür schließt sich. Regen tropft an die Fenster. Die Schritte hallen. Die Gardisten warten mit gekreuzten Hellebarden.« Und eine Frage schwebt im Raum: Warum sind die Gardisten nicht eingeschritten? Werden sie nicht dafür bezahlt, dass sie den Papst beschützen? Einen Tag darauf legt »BILD-Autor Norbert Körzdörfer« noch mal nach: »Ich ging durch die geheimen Gänge des Vatikans«, vorbei an Kardinälen mit »blutroten Schärpen« und schwarzen Bischöfen mit »violetten Käppchen« und »befrackten Dienern«. Normale Sterbliche gehen über sieben Brücken, Norbert Körzdörfer durchschritt »15 Türen, 15 Säle, Räume und Empfangszimmer«, bis plötzlich »die kleinste Tür« aufging und ein Monsignore auf Deutsch sagte: »Bitte...« Wir ahnen, wie es weiter ging. Aber Körzdörfer produziert nicht nur Schmäh, dass die Fresken von den Wänden fallen, er hat auch ein Herz für Tiere. Für BILD schreibt er unter dem Pseudonym »Herrchen« eine Kolumne (»Mein Hund und ich«) über seinen Terrier (oder ist es ein Dobermann?) namens Ruby. Kaum war Herrchen »aus Rom zurück, von einer Pilgerfahrt«, wurde er schon von Ruby begrüßt: »Ruby bellte im Garten. Ich kniete - und die Hand, die den Papst berührt hatte, streichelte das seidige Fell unseres Hundes.« Da wird der Hund in der Pfanne verrückt! Aber das ist noch nicht alles. »Drei Kinder laufen in meine Pfoten - und ein lächelndes Frauchen.« Auch dabei ahnen wir, wie es weiter ging. So weit, so gut. Was ich jetzt nur noch wissen möchte, ist dies: Haben die BILD-Leute außer der Bibel dem Heiligen Vater auch ein paar Exemplare ihrer Zeitung mitgebracht? Damit er sich ein Bild machen kann, mit welchem Ernst sie die christliche Glaubensbotschaft verbreiten und die Grundlagen der abendländischen Kultur verteidigen? Zum Beispiel die Ausgabe mit der großen »Penis-Debatte: Zeigt mal kurz, wie lang er ist« oder den Bericht wie Dagmar Koller, 65, und ihr Mann Helmut Zilk, 77, das Sakrament der Ehe praktizieren: »Ich schlafe seit 11 Jahren nicht mehr mit meinem Mann«. Sehr anschaulich wären auch Geschichten wie Ex-Nationalspieler Jimmy Hartwig mit dem Schicksal fertig wird (»Mein Hoden muss amputiert werden«), wie der Berliner Bürgermeister sich selbst geheilt hat (»Wowereit nicht mehr schwul?«) und wie Orgasmus-Simulantinnen enttarnt werden können: »Wie erkenne ich, ob meine Frau mich beim Sex belügt?« Und als Krönung die heiße Reportage über »Deutschlands knusprigste Bäckerin«, die mit nacktem Oberkörper »leckere Brötchen aus dem Ofen« holt. So wird nicht nur die gute alte abendländische Kultur verteidigt, so kommt auch das Handwerk wieder zu Ehren. Wahrscheinlich glaubt der Papst, BILD wäre so etwas wie die tägliche Ausgabe des »Wachturm«. Höchste Zeit also, den Heiligen Vater, der schon von der Friedensbewegung missbraucht wurde, aufzuklären. Denn in Wirklichkeit ist es nicht BILD, die die christliche Glaubensbotschaft verbreitet, sondern ihre kleine Schwesterzeitung BZ. Unter der Überschrift »Berlin diskret« bieten »Neue Polinnen ab 18 J., preiswert & sympathisch« ihre Dienste an, »Exklusive Polen Modelle«, »Süße Polinnen« und »Sexy Polinnen und Russinnen«. Das ist praktizierte Nächstenliebe, Wandel durch Annäherung und Völkerfreundschaft in ihrer reinsten Form. Höchste Zeit, dass auch eine Delegation der BZ nach Rom pilgert, um sich den Segen des Papstes zu holen. HMB, 12.12.o4
Startseite |
Tagebuch |
Schmock der Woche |
Audio |
Forsicht Freddy!
Fremde Federn | Bücher | Galerie | Links | Kontakt | Sitemap
Copyright © 2004 Henryk M. Broder - Seite wurde zuletzt aktualisiert am 13.12.2004
Webdesign von patfisch.de |
|||||||||||||||||||||||||||||||