|
| Offizielle Homepage von Henryk M. Broder |
|
Das Letzte Dieses Jahr in Washington! Nachdem die Jüdische Allgemeine eine Kurzfassung meines Textes »Die Europäer sind unser Unglück« abgedruckt hatte, in dem es u.a. um einen Artikel von Charles Krauthammer in der Washington Post und die Reaktion des deutschen Botschafters in Washington, Wolfgang Ischinger, ging, bekam ich Post aus der US-Haupstadt: The German Ambassador meldete sich bei mir, um mich zu überzeugen, dass er richtig liegt und Krauthammer spinnt. Als Beleg legte Ischinger einen Brief bei, den er von einem Joseph Kryszpel aus Pikesville, MD bekommen hatte. Der fand auch, dass Krauthammer spinnt, worauf Ischinger sich bei dem Absender bedankte und dessen Brief nach Berlin, ans Auswärtige Amt, schickte, wo man in diesen Tagen für jeden Verbündeten dankbar ist, und wenn er wie ein Zehnjähriger schreibt und wie ein Zombie denkt. Hier kommt die Posse in voller Länge. Wer bis zum Ende gelesen hat, kann an einem Preisausschreiben teilnehmen. Die Preisfrage lautet: Was meint der deutsche Botschafter in Washington, wenn er von »our special responsibility vis-a-vis Jewish people, and vis-a-vis the State of Israel« spricht? Für die richtige Antwort gibts es drei Preise.
Trostpreis ist eine Führung durch das AA mit Joschka Fischer. Es geht los (clicken Sie die eingescannten Briefe an, um eine größere Version zu sehen): lieber wolfgang ischinger, herzlichen dank für ihren brief vom 4.8. ich hoffe, es geht ihnen gut in diesen tagen. sobald ich wieder in washington bin, werde ich ihre »standing invitation« gerne annehmen. das dürfte um weihnachten herum sein, wenn ich das haus eines kollegen hüten werde. nun aber zu krauthammer, zum »lieben andy«, zu herrn kryszpel und zu ihnen. nehmen sie es mir bitte nicht übel, lieber herr ischinger: nicht krauthammers artikel war »übel«, ihre reaktionen sind es. bis jetzt habe ich angenommen, der job eines botschafters wäre es, die deutschen interessen zu vertreten, die richtigen leute aus politik und wirtschaft zusammen zu bringen und parties zu besuchen, um sich über das gast-land kundig zu machen. nun weiß ich es besser: ihr job ist es, auf nicht hinnehmbare verunglimpfungen »der deutschen insgesamt« zu reagieren. da müssen sie ja alle hände voll zu tun haben, vor allem seit unser kanzler den »deutschen weg« erklärt hat. im aktuellen fall, dem von krauthammer, freilich stehen sie nicht allein. sie haben sachkundige und moralisch berufene helfer, »anscheinend vorwiegend jüdische leser«, die sich an sie wenden, um gegen krauthammers artikel zu protestieren, wo doch die WP und krauthammer die richtigen adressen wären. woher wollen sie wissen, lieber herr ischinger, daß es »jüdische leser« sind? gibt es im AA eine judenkartei? gehen sie nach den namen der schreiber vor? finden sie das nicht ziemlich leichtfertig? arthur rosenberg hatte einen sehr jüdischen namen, mein name ist so arisch, wie er arischer nicht sein könnte, in friesland wird er sogar oft als vorname benutzt. ginge man nach ihrer methode vor, wäre rosenberg ein jude - wenn er noch leben würde und einen brief an sie geschrieben hätte. sie haben mir, zum beleg dafür daß »krauthammer die fassung verloren hat« und nicht sie, den brief eines joseph kryszpel aus pikesville, md beigelegt, der ihnen offenbar dermaßen aus der seele spricht, daß sie ihn an das halbe AA weiter geleitet haben. nachdem ich inzwischen weiß, daß sie vor kurzem den »dear andy« um support gebeten haben, halte ich es für möglich, daß sie auch den brief von joseph kryszpel bestellt haben. aber auch wenn dies nicht der fall wäre, was qualifiziert den mann als kronzeugen? daß er seine auschwitz-nummer angibt? daß er nicht einmal schillers namen richtig schreiben kann? bekommt ihre botschaft nicht auch briefe von irren und wichtigtuern (wie sie massenweise in jeder redaktion ankommen), hat sie denn nichts stutzig gemacht, nicht einmal der hinweis auf adenauer, der israel mitgegründet hat? vermutlich finden sie auch den satz richtig, krauthammer versuche »to atone« für die neutralität amerikanischer juden während des holocaust. sie müßten es besser wissen, lieber herr ischinger, und wenn nicht, dann nehme ich sie gerne mal mit in die normandie, wo die gräber zehntau-sender amerikanischer soldaten von der neutralität amerikas zeugen, darunter auch viele mit einem davidstern, die zeugnis davon ablegen, wie sich allen voran die us-juden neutral verhalten haben. krauthammer hat keinen grund »to atone«, nicht mal für den unsinn, den joseph kryszpel an sie schreibt, sätze, die sie als »particularly important to me« bezeichnet haben, was nun wirklich mehr als »übel« ist, nämlich vollkommen unkundig. das sind also ihre konzeugen. der liebe andy baker, ein rückgratloses gummibärchen, das jedem nach dem mund redet, der ihn zu einem lunch einlädt, und irgendein verwirrter, anscheinend jüdischer senior, dessen größtes problem krauthammer ist. mit zwei jüdischen zeugen im gepäck haben sie nix to atone, können sogar das problem, um das es geht, gelassen bypassen: die arbeitsteilige politik der bundesrepublik. einerseits werden konferenzen veranstaltet, auf denen der antisemitismus verurteilt wird, surprise, surprise!, andererseits ebnet die bundesrepublik mit ihrem verhalten in den UN der zweiten endlösung den weg, der delegitimation israels, die nur ein ziel haben kann: die physische auflösung israels. darf ich sie, in aller demut, daran erinnern, daß auch der holocaust nicht mit einem massenmord, sondern mit »legalen« maßnahmen begonnen hat? krauthammer hat recht: the work continues. nur daß es diesmal kein exklusiv deutsches sondern ein gemeinschaftsprojekt ist, an dem sich die bundesrepublik ein wenig beteiligen darf.
mit den besten grüßen aus rhinebeck on hudson Lieber Henryk M. Broder, ich denke, Ihre Mail vom 26.08. zwingt mich, noch einmal zu erwidern. Abgesehen davon, dass ich den Ton Ihres Schreibens unangemessen polemisch finde, reden wir, glaube ich, in einer grundsätzlichen Frage aneinander vorbei. Sie scheinen die Auffassung zu vertreten, dass zur Rechtfertigung der Handlungsweisen der gegenwärtigen israelischen Regierung sozusagen jedes Mittel recht ist, einschließlich das der individuellen oder kollektiven Beschimpfung, Verunglimpfung oder Verleumdung. Ich gestehe Ihnen zu, dass man diese Auffassung vertreten kann, vielleicht gerade dann, wenn der betroffene Staat - hier also der Staat Israel - sich in einer existenzgefährdenden Lage befindet. Ich bin aber der Meinung, dass es der beschimpften Person oder der verunglimpften Gruppe oder gar Nation doch mindestens gestattet sein muss, sich gegen Unterstellungen zu verwahren, wie sie Krauthammers Artikel enthielt und wie Sie sie offenbar ebenfalls vornehmen. Nichts mehr und nichts weniger habe ich getan, aber Sie stopfen mich dann einfach in denselben Sack, in den Sie diejenigen stecken, die »die physische Auflösung Israels« bzw. »die Delegitimation Israels« Ihrer Auffassung nach betreiben. Dagegen verwahre ich mich mit allem Nachdruck. Lieber Henryk Broder, können Sie mir vielleicht jedenfalls eines abnehmen: nichts ist mir so wichtig wie die fortbestehende internationale Legitimation Israels, über die man sich in der Tat Sorgen machen muss. Übrigens: ich bewundere die politische Kraft und die rechtliche Kraft des Obersten Gerichtshofs in Israel. Aber vielleicht interessiert Sie das gar nicht, weil Sie vielleicht mehr an der Polemik an sich interessiert sind. Ich hoffe, es ist nicht so. Mein Angebot, hierüber einmal ein Gespräch zu führen, erneuere ich. Melden Sie sich bitte, wenn Sie der Weg nach Washington führt. Mit freundlichem Gruß
Ihr lieber wolfgang ischinger, herzlichen dank für ihre letzte mail. darf ich ihnen versichern, wie sehr ich ihre diskussionsbereitschaft in dieser angelegenheit schätze? ich meine es ernst, wirklich. was ich allerdings weniger schätze, ist ihre taktik, sich zum opfer eines angriffs zu erklären und so zu tun, als würden sie aus der defensive agieren. krauthammers artikel war »übel«, der ton meines briefes an sie, der ausgesprochen herzlich gemeint war, ist »unangemessen pole-misch«, sie dagegen »verwahren« sich nur gegen »unterstellungen«, und damit haben sie sich selbst ein freifahrt-ticket ausgestellt. das ist praktisch, aber - verzeihen sie - auch ein wenig anmaßend. es ist nicht das erste mal, daß ich zum inoffiziellen botschafter israels ernannt werde, weil ich auf die absurden, aberwitzigen und auch antisemitischen ursachen der gegenüber israel betriebenen politik hinweise. nun sind sie es, der mir sagt, ich sei »zur rechtfertigung der handlungsweisen der gegenwärtigen israelischen regierung« angetreten, und diesen satz, lieber wolfgang, den finden sie sicher nicht polemisch, sondern sachlich und angemessen, weil er von ihnen stammt. ahnen sie eigentlich, welches denken dahinter schlummert? und sie sprechen von »kollektiver beschimpfung, verunglimpfung oder verleumdung« einer ganzen »nation«, der es gestattet sein muß, sich zu wehren. das ist wirklich atemberaubend. woran erinnern mich diese sätze? war das nicht der ton der marschmusik, mit der deutschland in den WK 1 gezogen ist? und woher wollen sie wissen, daß eine ganze nation durch krauthammer und mich beschimpft, verunglimpft und verleumdet worden ist? weil sie sich beschimpft, verunglimpft und verleumdet fühlen? früher gab es den tatbeständ der majestätsbeleidigung. sie haben soeben einen neuen tatbestand kreiert: den der volksbeleidigung. haben sie sich schon einen angemessenen strafrahmen überlegt? wäre es nicht an der zeit, mit dem sozialen wohnungsbau aufzuhören und statt dessen gefängnisse zu bauen, um die vielen volksbeleidiger sicher zu verwahren? wenn ich so handeln würde wie sie, würde ich ihnen jetzt eine handvoll briefe schicken von deutschen (d.h. arischen) freunden, die sich weder durch krauthammer noch durch mich beleidigt fühlen und die ihnen kein mandat gegeben haben, stellvertretend für sie beleidigt zu sein. und die keinen grund sehen, sich zu verwahren. aber ich tue es nicht, denn es sind freunde von mir, die ich nicht als alibilieferanten mißbrauchen will, wie sie es mit dem lieben andy und diesem wirrkopf aus pikesville tun. wenn sie, lieber wolfgang, sich um die legitimation israels sorgen machen, dann kann ich sie nur fragen: warum regen sie sich nicht über das urteil des internationalen gerichtshofes und den beschluß der un-vollversammlung auf, sondern über krauthammer auf, der sehr genau auf die folgen des urteils und der vollversammlung hingewiesen hat? weil das nicht ihr job als botschafter ist? kommen sie, lieber wolfgang, sie sind nicht nur der deutsche botschafter in washington, sie sind auch ein kluger kopf, der seine souveränität nicht an der garderobe des AA abgegeben hat. geben sie sich einen ruck und geben sie zu, daß sie ganz meiner meinung sind. wenigstens privat. wir sehen uns in washington.
mit den besten grüßen
Startseite |
Tagebuch |
Schmock der Woche |
Audio |
Forsicht Freddy!
Fremde Federn | Bücher | Galerie | Links | Kontakt | Sitemap
Copyright © 2004 Henryk M. Broder - Seite wurde zuletzt aktualisiert am 15.09.2004
Webdesign von patfisch.de |
|||||||||||||||||||||||||||