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Warten auf den Weltkrieg
Oder: Was von der uneingeschränkten Solidarität übrig blieb
Wenn es etwas gibt, auf das man sich mit letzter Sicherheit verlassen
kann, dann ist es der deutsche Katastrophismus. Alles, was schief gehen
kann, muss schief gehen, damit sich die apokalyptischen Sehnsüchte
erfüllen. Bleibt die Katastrophe wider Erwarten aus, kommt es zu einem
schweren Katzenjammer, der nur von der Aussicht auf das nächste Unheil
geheilt wird. Als ich im Sommer 199o nach Berlin kam, war die Mauer schon
gefallen, aber die DDR gab es noch. Der "Beitritt" der DDR zur
Bundesrepublik war beschlossene Sache, nur noch nicht vollzogen. "Es wird
eine Katastrophe werden," raunten gute Freunde und überlegten, wohin sie
auswandern wollten, Hauptsache weit weg, nach Australien oder Südafrika,
denn die Toskana oder das Kleinwalsertal waren keine sicheren
Zufluchtsorte, das größer gewordene Deutschland würde noch größer
werden und die Geflohenen überrennen. Auf vielen Mauern sah ich Graffiti
wie: "Kein 4. Reich!" und "Nie wieder Deutschland!" Ich fand das nicht
nur seltsam, ich fand es krank. Nachdem das "Vierte Reich" ausgeblieben
war, konzentrieren sich die Ängste und die Hoffnungen auf den "Dritten
Weltkrieg." Das war schon zur Zeit des Golfkrieges so, als über dem
Portal der Humboldt-Universität ein Banner mit der Frage hing, wann "wir"
bombardiert würden. Und es ist noch immer die schönste aller Ängste,
die zur Auswahl stehen. Die ansonsten besonnene und nicht zur Panik
neigende Grüne Christa Nickels warnt angesichts der Möglichkeit einer
US-Intervention im Irak vor der "Gefahr einer Eskalation bis hin zum
Weltkrieg" und fordert: "Die deutsche Bündnistreue darf keine blinde
Nibelungentreue sein." Das klingt gut und wird jeden alternativen
Studienrat, der "Greenpeace" mit Spenden unterstützt, zu einem
affirmativen Kopfnicken veranlassen. Nur: Zu einem Weltkrieg gehören
mindestens zwei Global Player. Wer soll sich den Amerikanern in den Weg
stellen? Die Schweizer Garde des Vatikans oder die deutsche
Friedensbewegung? Bis jetzt kann niemand sagen, was die Amerikaner
vorhaben oder nicht vorhaben. Dennoch wiederholt sich das Szenario, das
wir gleich nach dem 11. September erlebt haben. Es hagelt Ermahnungen,
Ratschläge und Warnungen. Alle wissen, was man nicht tun sollte. Am
besten und am sichersten wäre, nichts zu tun und derweil die Ursachen des
Terrors zu beseitigen, als erstes die Armut in der Welt. Auch ich fände
das eine gute Idee, habe aber meine Zweifel, ob eine Gesellschaft dazu in
der Lage ist, die es nicht einmal schafft, in den eigenen vier Wänden
die Arbeit gerecht zu verteilen. Während die meisten Menschen, aus Sorge
um den Frieden, bereit wären, ihre letzte Currywurst mit den Hungernden
in Afrika und Asien zu teilen, sind sie nicht bereit, auch nur auf einen
Bruchteil ihres Einkommens zu verzichten, um den Habenichtsen nebenan zu
helfen. Und was für ein Sturm der Empörung würde losbrechen, wenn
tatsächlich eine, sagen wir, zehnprozentige Soli-Abgabe auf das Einkommen
zugunsten der Armen in der Welt eingeführt würde. So reduziert sich der
Kampf gegen den Terror auf verbale Leistungen. Alles soll anders werden,
aber es soll sich nichts ändern. Was den Irak angeht, der übrigens auch
mit deutscher Hilfe hochgerüstet würde, ohne dass es dagegen
nennenswerten Widerstand in der Öffentlichkeit gab, gibt es nur zwei
Optionen: Intervenieren oder gewähren lassen. Beide Optionen bedeuten ein
unkalkulierbares Risiko. Eine Intervention kann gewaltig schief gehen, aber
eine Nicht-Intervention kann auch mit einem Desaster enden, wenn der Irak
nicht rechtzeitig entwaffnet wird. Nicht nur in der Medizin ist das Risiko
bei einer Unterlassung oft größer als bei einem Eingriff. Die deutsche
Öffentlichkeit scheint sich entschieden zu haben - für die aktive
Passivität. Das einzig Tröstliche an dieser Entscheidung ist, dass sie
die Stimmung in Europa - mit Ausnahme Englands - wiedergibt. Aber das
ist ein schwacher Trost, denn Abwarten und Nichtstun war schon immer eine
Lieblingsbeschäftigung der Europäer angesichts großer Gefahren. Sie
haben die vertragswidrige Remilitarsierung der Rheinlande hingenommen,
die Tschechoslowakei geopfert, den Anschluss Österreichs akzeptiert, sie
haben sich mit Franco und Salazar arrangiert, den griechischen Obristen
die Hand zum Gruße gereicht und für Milosevic den roten Teppich
ausgerollt. Sie waren nicht imstande, aus eigener Kraft den
Jugoslawien-Konflikt zu lösen. Und wenn es ernst wird, rufen sie die
Amerikaner zu Hilfe, um sich hinterher darüber zu beschweren, dass die
Amis als arrogante Weltpolizei auftreten. Appeasement bis zum bitteren
Ende ist eine Disziplin, in der die Europäer jeden Wettbewerb gewinnen
können. Hätten nicht die Amerikaner und die Sowjets interveniert,
würden NS-Truppen noch immer unter dem Triumphbogen in Paris ihre Paraden
abhalten. Es sieht aus, als wären die doofen Amerikaner, die einen
gotischen Torbogen von einem romanischen Fensterrahmen nicht unterscheiden
können, die Einzigen, die aus der europäischen Geschichte gelernt
hätten. Während die Europäer ihre Kräfte in einer ebenso lächerlichen
wie kraftlosen Aktion gegen Österreich bereits verbraucht haben. Mit der
verbliebenen Restenergie diskutieren sie nun, wo die Bündnistreue
aufhört und die Nibelungentreue anfängt. Und warten gemütlich den
nächsten Weltkrieg ab.
HMB, 2.2.2oo2
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