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Veit Medick Kiffeia - Es reicht! Geht man durch die Straßen Kairos und spricht man mit den Taxifahrern, Verkäufern oder Studienkollegen, so wird einem schon nach kurzer Zeit eines deutlich: Politik spielt im Leben der Ägypter eine sehr wichtige Rolle. Zwar liegt der Anteil der Analphabeten bei etwa 50%, was zumindest Informationsakquirierung durch Printmedien ausschließt, doch einer politischen Diskussion ist hierzulande kaum einer abgeneigt.
Im SEPTEMBER diesen Jahres steht in Ägypten nun ein Referendum, oder wie Hosni Mubarak, der ägyptische Präsident zu sagen pflegt - eine freie Wahl - über eine weitere Amtszeit des jetzigen Machthabers an. Schon vor geraumer Zeit kündigte er an, noch einmal für weitere 6 Jahre kandidieren zu wollen, was seine Zeit als Staatsoberhaupt auf 30 Jahre erhöhen würde. Somit muss Mubaraks Sohn Gamal seine Ambitionen auf das Präsidentenamt vorerst begraben. Doch nicht diese Tatsache war es, die einen Großteil der Ägypter kurz nach der Ankündigung erzürnte. Mubaraks Entscheidung bedeutete nicht nur das Aus für einen familiären Konkurrenzkampf, sie verhinderte auch jegliche Kandidatur von Politikern, die nicht dem familiären Machtzirkel angehören - von säkularen Intellektuellen bis hin zu konservativen Islamisten. Gerade unter Studenten und zivilgesellschaftlichen Akteuren stieß eine derartige Restriktion auf großen Unmut. Kiffeia - Es reicht! war fortan das Motto ihrer Bewegung, die vornehmlich die Forderung nach offenen und freien Wahlen vertritt und sich gegen eine erneute Kandidatur Mubaraks ausspricht.
Wie ich bald herausfand, ist das Zentrum ihrer Aktionen die Universität, an der ich studiere - die Cairo University. Tatsächlich hatte ich das Vergnügen, einer ihrer Demonstrationen beizuwohnen und somit ein Stück ägyptischer Demokratie hautnah mitzubekommen. Merkwürdig war jedoch, dass eine Reihe meiner Kollegen, teilweise Aktivisten in ägyptischen NGOs, sich vehement weigerten, mit mir zur Demonstration zu gehen - aus Angst vor den Zugriffen der staatlichen Sicherheitskräfte. 30 Polizeicontainer, von denen ich zunächst annahm, sie seien rollende Biotonnen, säumten die Straßen rings um die Universität. Ich ließ mir sagen, dass in jedem der Fahrzeuge etwa 100 Polizisten »Platz« hatten, was zu meiner Verwunderung dazu führte, dass ich wohl zum ersten Mal in meinem Leben Mitleid mit Polizisten verspürte. Angesichts der 3000 Sicherheitskräfte freute ich mich schon auf eine wohl recht große Anzahl an Demonstranten. Ich wurde nicht enttäuscht! 450 Beteiligte marschierten vom Campus auf den Universitätsvorplatz, um dort - aufgrund der sie umgebenden drei Polizeiringe für Außenstehende nur noch schwer erkennbar - friedlich zu demonstrieren. Was blieb ihnen auch anderes übrig... Interessanter als die eigentliche Demonstration war jedoch eine Diskussion mit vier mir bis dahin unbekannten Ägyptern, die sich, wie ich, außerhalb des Todesstreifens bewegten. Auf die Frage, wie sie denn zu der Aktion stünden, kamen recht überraschende Antworten. »Look at these riots - I hate them!« sagte Ehab, ein 19jähriger Student, während Mohammad, ein 25jährige Ingenieur, sich als extremer Regimekritiker ausgab: »I will emigrate to Germany, can I come with you?« Nachdem wir etwa 2 Stunden die Weltpolitik auseinander genommen hatten, freute ich mich, dass sich endlich auch mal ein Geheimdienstler zu uns gesellte. Mohammad sagte mir zu Beginn unserer Diskussion, man erkenne sie daran, dass sie nichts Eigenes sagten, jedoch immer zustimmend nickten. Und so war es: Ich konnte sagen, was ich wollte - der namenlose Mann, der sich nach geraumer Zeit redlich bemühte, in unseren Gesprächskreis aufgenommen zu werden, bewegte ausschließlich seinen Kopf, nicht aber seine Lippen. Trotzdem schaffte er es, unsere Diskussion aufzulösen. Mohammad, Ehab und die beiden anderen Ägypter suchten recht schnell das Weite, während ich dem Geheimdienstler anbot, noch einen Tee mit ihm trinken zu gehen. Ich war verwundert, als er es angesichts dieses Angebots schaffte, seinen Kopf zu schütteln. Mubarak kündigte übrigens heute eine weit reichende Verfassungsänderung an. So wird es im September tatsächlich eine Auswahl an unterschiedlichen Kandidaten geben. Inwieweit diese demokratische Öffnung jedoch auf die Bemühungen von Kiffeia zurückzuführen ist, vermag ich jetzt noch nicht zu beurteilen...
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