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Untersteh dich, sagt meine Frau. In das Ding steig ich nicht ein, sagt meine twenty-something Tochter. Seit über zwei Jahren haben wir einen bei uns ansonsten seltenen Familienzwist. Und alles wegen eines Automobils, nach dem ich seit seiner Einführung im Modelljahr 2003 lechze wie vor vierzig Jahren nach der 600er BMW: dem Hummer H2. Damals überzeugte meine besorgte Mutter meinen Vater, mir zum Abitur seine drei Jahre alte Renault Dauphine zu schenken und mich damit vom unfreiwilligen motorisierten Selbstmordgelüst abzulenken — ein Manöver, das gelang, wobei ich mich frage, ob die französische Dünnblechkiste mit 27,5 PS-Heckmotor vielleicht lebensgefährlicher war als das Münchner Boxermotorrad mit etwa den gleichen Pferdestärken; aber die Dauphine hatte einen Vorteil, der mich gegenüber dem windzerzausten Machoappeal des Bajuwarenbrummers korrumpierte: Liegesitze, und die waren im Partymilieu der Kölner Uni der sechziger Jahre gelegentlich von praktischem Nutzen. Der Hummer H2 strahlt dagegen einen anderen, viel weniger tangiblen Sex Appeal auf mich aus, wobei mir Liegesitze schnuppe sind: Das eckige Gefährt mit der chromstangenverzierten Kastenschnauze wühlt in mir eher die ein halbes Jahrhundert lang kompensierte Libido des kleinen Jungen wieder auf, der sich auf einer oberbergischen Dorfstraße in klotzige hölzerne Spielzeugautos hineinfantasierte und darin über Stock und Stein ritt. (Kleine Schucos aus weichlinigem Metall kamen erst später.) Zwar verkleidete ich mich im Karneval als Cowboy, aber das war bloß zum Spaß. Echte Freiheit ließ sich nur motorisiert erträumen, als automobile Fortbewegung ohne Grenzen. Ob's unsrem Aanold, dem zum liberalkonservativen kalifornischen Kalifen gemauserten ehemaligen Grazer Muskelmeier, auch so ging, als er sich einen Hummer nach dem anderen servieren ließ? (Allerdings gibt sich der Mann nicht mit dem H2 ab, wie oft fälschlich assoziiert, sondern er steuert den gigantomanischen H1, den außermilitärischen Vetter ersten Grades des im Irak des öfteren in die Luft gebombten Hum-Vee, den ich bei seinem Preis von 130.000 Dollar höchstens geschenkt nähme.) Immerhin sind der österreichische Polizistensohn und ich im selben Alter, und wir haben den teutonischen Akzent gemeinsam, ein bisschen wenigstens — bei Schwarzeneggers Englisch hör ich den Alpenländler raus, wenn auch unsere Putzfrau nimmer überdrüssig wird, mir zu schmeicheln: You sound like Aanold, you really do! Trotz meiner Hummervorliebe bin ich vielen Unkenrufen zum Trotz nicht an dessen Macho Man-Image interessiert — wie ich ja auch nicht dem Hum-Vee (eigentlich HMMWV, High Mobility Multi-Purpose Wheeled Vehicle) bzw. seinem zivilen Vetter hinterherhechele — der hat für meinen Geschmack einen zu breiten Hintern. Die hummerschen Meinungsverschiedenheiten zwischen meiner Frau und Tochter einerseits und mir andererseits sind aber keinesfalls Ausdruck einer politischen Fehde; es geht bei uns weniger um Political Correctness, obwohl die seit George W.‘s kriegerischer Befriedungslüsternheit und seinen Steuersparprogrammen für Wohlhabende ständig kletternden Benzinpreise einem das Schlucken von über zwanzig Litern pro hundert Kilometer langsam vergällen — es ist schlicht und einfach eine Frage der Karosserieästhetik. Im Gegensatz zu den unpraktischen Ausmaßen des Aanoldmobils H1 ist der zwischen New York und San Francisco von den meisten Liberalen und Linken als Kotzbrocken verteufelte und gelegentlich von Ökoterroristen in Brand gesteckte Hummer H2 gar nicht mal so riesig, auch wenn die Designer es verstanden haben, mit optischen Tricks den gegenteiligen Eindruck zu erwecken. Er ist kürzer als ein Mercedes der S-Klasse, so breit wie ein Ford Excursion und nicht höher als der G-Wagen oder der Range Rover. Selbst ich war überrascht, als ich die Hummer-Dimensionen mit denen jener Zweieinhalbtonnenkarosse verglich, in der ich in den letzten siebeneinhalb Jahren in höchstem Komfort über zweihunderttausend problemlose Kilometer kutschiert bin: einem Lincoln Navigator. In fast jeder Beziehung — Außen- und Innendimensionen, acht Zylinder, Sechslitermaschine, Ausstattung, Verbrauch sind sie sich sehr ähnlich, wobei der Navigator sogar über einen Fuß länger ist. Große Autos haben mich immer fasziniert — je größer, umso begehrenswerter. Anfang der 60er bewunderte ich meinen Schulfreund Helmut, weil sein Vater, Tankstellenbesitzer auf der schälen Sick in Köln, einen Chevrolet Impala mit Heckflossen fuhr, während es in meiner von Gummersbach aufs linke kölsche Rheinufer verschlagenen Beamtenfamilie nur mal eben zum unterernährten Renault reichte. 1970 leistete ich mir mit meinen ersten »dicken« journalistischen Honoraren (von der Gruner & Jahr-Zeitschrift TWEN, wo das Zählen erst in den Tausendern anfing, im Gegensatz zum Kölner Stadtanzeiger, wo ich für fünfzig Mark Bücher rezensiert hatte) einen sanft gebrauchten Ford 20M, zwei Liter, sechs Zylinder, für deutsche Verhältnisse damals eine ziemlich große Kalesche. Aber um so richtig loslegen zu können, mußte ich nach Amerika. 1976 war's soweit: Erst kam ein rostiger Ford LTD Station Wagon, ein schwankendes Straßenboot, das ohne viel Getue fünfundzwanzig Liter durch den Vergaser jagte. Dem folgte der damals größte Personenwagen, ein Lincoln Continental mit Achtlitermotor und 365 PS, in einer absurden zweitürigen Coupeausführung, eine Art Manta auf Supersteroiden. Dann, da ich höher hinaus wollte, ein uralter Jeep Wagoneer, der glücklicherweise bei der Probefahrt in einem verschneiten Feld in Pennsylvania dem Geist aufgab, als beim manuellen Umstellen der Vorderräder auf Allradantrieb die Vorderache blockierte, und mein erster Quasi-SUV, ein Chevrolet Suburban (ohne Vierradantrieb, aber mit Sperrdifferential) — größer und durstiger als heute die Hummers und Navigators sind, aber damals noch nicht als Umweltschmutzfink identifiziert und als Untergang des Abendlandes verteufelt; es war vor der Zeit der Minivans, als Soccer Moms in diesen durstigen Vorortkutschen ihre Kinderschar von Schulsportveranstaltungen zu Pfadfindertreffen transportierten. Ende der Siebziger hatten die Public Relations-Schlauköpfe den Ausdruck Sport Utility Vehicle wohl noch nicht geprägt für diese meist allradgetriebenen Über-Pkws, bei denen der selten genutzte Sport darin besteht, über Felsbrocken zu klettern und durch Bäche zu kriechen, und der Nutzen (utility), dass fünf bis acht Personen mit reichlich Gepäck auch bei Schnee und Eis ohne große Verspätung am Winterurlaubsziel eintreffen. Für mich liegt die eigentliche Attraktion — neben der ästhetischen — weder im einen noch im anderen: Ich sitz halt gern hoch, gucke über die Dächer der Pkws, fühle mich dabei von meinen zweieinhalb Tonnen umgeben relativ sicher — und ja doch, ich gesteh's gerne, ohne weitere Ausflüchte und Rationalisierungen: Es hat auch was mit Machtgefühl zu tun, power... Am liebsten fahre ich nachts an der Ampel drohend dicht auf Autos auf, die mit bushistischen und christlich-fundamentalistischen Aufklebern verunziert sind. Selbst bei Abblendlicht stechen meine hohen Scheinwerfer diesen Blödköpfen unerbittlich aus ihren eigenen Spiegeln in die Augen, und weil sich kaum einer vorstellen kann, dass liberale Demokraten, diese sprichwörtlich guten Menschen, so bösartig sein könnten, rücksichtsloses Dichtauffahren in einem großen SUV dagegen eine Spezialität republikanischer Me First-Banausen ist, schlage ich gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Ein bisschen Rache muss sein. Aber der Spritverbrauch, das ist heutzutage der reine Wahnsinn, sagt beim Frühstück im Coffeshop ein Bekannter, dessen Hobby bis vor kurzem Autorennen waren, bei denen er seinen aufgemotzten BMW über die amerikanischen Pisten jagte; irgendwann ist es mit dem Öl vorbei, und wir gehen alle den Bach runter — und du hast kein schlechtes Gewissen, dass du dazu beiträgst? Meine Frau fährt zum Ausgleich einen Diesel, sage ich, aber er kapiert nicht die Ironie. Bei einer Weihnachtsparty unter lauter Demokraten lässt ein ehemaliger Universitätsdekan verlauten, nur rücksichtslose Republikaner kauften diese unverantwortlichen Dinger, gegen die bei einem Unfall kleinere Wagen keine Chance hätten; der Egoismus der SUV-Fahrer sei unverzeihlich. That's the American Way, sage ich zur Konsternierung aller. Ich bin mir klar darüber, dass ich in unserer umweltbewussten Unikleinstadt nur einen einzigen Demokraten kenne, der gleichzeitig ein erbitterter Gegner der Bushistenbande ist und ein unverbesserlicher Hummerfan: mich. Was wäre der Mensch ohne ein bisschen irrationales Vergnügen? Ich spiele des Teufels Advokat gegen mein »besseres« Selbst: So schnell gehen wir schon nicht den Bach runter, und wenn — na und? Nach uns die Sintflut. Mir liegt eine weitere Provokation auf der Zunge: Die meisten von euch gehen sonntags zum lieben Gott, dafür bete ich den Hummer an! Aber ich verbeiße mir das — so zynisch bin ich nur manchmal, und ich will nicht, dass meine Frau mich beim Nachhausefahren als kindisch bezeichnet, womit sie durchaus recht hätte. Also lassen wir die Katze aus dem Sack, ich gebe mich geschlagen. Ich kaufe keinen Hummer H2. Nicht nur, um den ansonsten unvermeidlichen Familienkonflikt zu verhindern — je mehr ich von den kantigen Klotzkästen auf der Straße sehe, desto mehr verlieren sie an libidinöser Intimität, am Reiz des Besonderen. Ich fahre weiter meinen Navigator, bis er auseinander fällt — oder bis meine Neugier auf technischen Fortschritt, meine Faszination mit Gadgets die Oberhand gewinnt und ich mich für einen Hybriden begeistern kann. So was wie der Lexus RX400h ist mir da aber noch zu klein — ein bisschen größer dürfte es schon sein. Einen halb- oder ganzelektrischen Hummer, wenn's denn für Wasserstoffantrieb noch zu früh ist im einundzwanzigsten Jahrhundert. Und auf die Stoßstange gepfefferte und gesalzene Aufkleber gegen die katastrophale Politik der Bushies: Das wäre doch wirklich was Besonderes. Von Fred Viebahn
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