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Der Schmock der Woche Rupert Neudeck, spezialbehandelter Grünhelm Es hat eine Weile gedauert, doch das Warten hat sich gelohnt. Abi Melzer, der größte Verleger aller Zeiten (GRÖVAZ), war als Schmock der Woche kaum zu toppen, aber nun hat er einen würdigen Nachfolger gefunden: Rupert Neudeck, Gründer des Vereins "Grünhelme e.V." Neudeck ist vor kurzem nach Israel und Palästina gereist und hat über seinen Trip in den Nahen Osten einen Bericht geschrieben, der mit diesen Sätzen anfängt: Einfach ist es nicht mehr, nach Israel und Palästina hineinzukommen. Man muss - wenn man nicht privilegiert ist mit einem diplomatischen Pass - einen unschuldigen leeren deutschen Pass vorweisen. In meinen aktuell vier Pässen habe ich Visa vom Iran, von Afghanistan, von Pakistan, von der Demokratischen Republik Congo, von der Islamischen Republik Mauretanien. Das sind alles verdächtige Stempel. Israel lässt weiter seine Besucher aus Deutschland ohne Visum hineinkommen, kündigt ihnen aber Spezialbehandlung am Flughafen in Tel Aviv an. So geschah es mir schon beim Einchecken in den (billigen, etwa ein Drittel des normalen Lufthansa Tickets) Urlaubsflieger von Hapag Lloyd bzw. von TUI in Stuttgart. Beim Einecken große Aufregung. Ich hatte den Pass genommen, der die meisten leeren Seiten hatte, der einzige, der noch neuer war, lag bei dem Iranischen Konsulat, für das übliche Transitvisum über den IRAN nach AFGHANISTAN. Nach mehreren Telefonaten und einigem Hin und her wurde mir gesagt: Ja, ich könnte schon fliegen, müsste aber doch gewärtig sein, längere Zeit mit der geheimdienstlichen Kontrolle zu verbringen. So war es dann auch: Ich musste drei Stunden alle möglichen Verhöre darüber über mich ergehen lassen, von was ich lebe, welchen Beruf ich habe, was ich in Afghanistan tue usw. Nach drei Stunden war ich über der Grenzbarriere, aber mein Koffer war natürlich weg. Freimut Duve, Ex-Bundestagsabgeordneter und OSZE-Funktionär, mit dem ich geflogen war, hatte sich sofort auf der anderen Seite lautstark beschwert. Aber das half nichts. Es half auch nicht die Bemerkung, dass im Sheraton Lobby in Ramat Gam in Tel Aviv ab 15 Uhr der ehemalige (und jetzige heimliche) Botschafter Israels in Deutschland auf uns wartete. Wir waren etwas verspätet angekommen, 13.40 Uhr und ich war erst 17 Uhr aus dem Flughafengebäude heraus. Abgesehen von dem hochoriginellen Einstieg mit einem Adverb ("Einfach ist es nicht mehr..."), der erratischen Zeichensetzung, dem abgespreizten Stil-Finger ("So geschah es mir schon beim Einchecken...") und den wirren Zielangaben ("Im Sheraton Lobby in Ramat Gam in Tel Aviv"), ist der Bericht ein Zeugnis postseniler Selbstüberschätzung; er macht klar, warum Neudeck immerzu durch die Welt fahren und Gutes tun muss: um sich in Szene zu setzen. Ein frequent traveller mit vier Pässen, der zwischen Afghanistan und Pakistan, der Demokratischen Republik Congo und der Islamischen Republik Mauretanien pendelt wie andere zuwischen Gummersbach und Plettenberg. Ein Angeber, Wichtigtuer, Schwitzer und name dropper, der er sich nicht verkneifen kann, seinen Lesern mitzuteilen, dass er nicht nur von einem leibhaftigen OSZE-Funktionär begleitet, sondern auch vom "heimlichen Botschafters Israels in Deutschland" erwartet wurde ("Im Sheraton Lobby in Ramat Gam in Tel Aviv") , einem anderen Angeber, Wichtigtuer, Schwitzer und name dropper, der sich nach seinem Abschied aus dem diplomatischen Dienst darauf spezialisiert hat, den Grüßaugust für Reisegruppen zu spielen, mal für die Deutsche Bischofskonferenz, mal für die Grünhelme. Weil das aber noch nicht genug der Selbstbeweihräucherung im Nachruhestand ist, erzählt uns Neudeck die Geschichte seiner "Spezialbehandlung" am Flughafen in Tel Aviv. Wie lange hat er an dieser Metapher gearbeitet? Kam sie ganz spontan aus ihm rausgeflutscht oder war es eine Steißgeburt? Wollte er vielleicht "Sonderbehandlung" sagen, hat sich dann aber für die subtilere Variante entschieden? Wenn Neudeck eine "Spezialbehandlung" erleben möchte, dann müsste er nur mit einem israelischen Stempel im Pass nach Syrien oder einer Bibel im Gepäck nach Saudi-Arabien einreisen. Was für ein Sieg des Es über das Ich. Kaum schlägt Knecht Rupert im Judenstaat auf, wünscht er sich gleich eine "Spezialbehandlung", um endlich mit jenen auf gleicher Augenhöhe reden zu können, die in ihrem Leben etwas mehr durchgemacht haben als nur eine lästige Passkontrolle an der Flughafen-Rampe von Tel Aviv. Denn was Neudeck bei seiner Einreise erlebt hat, war keine "Spezialbehandlung", sondern business as usual, ein welcome service, der jedem Schwachmatten zuteil wird, der mit einem afghanischen Stempel im Pass in Israel ankommt. Was aber ist mit Neudecks Koffer passiert? Ist er wieder aufgetaucht oder wurde er nach einer Spezialbehandlung endgelöst? Dann bekäme Neudeck nicht nur den "Schmock der Woche", er hätte auch einen Anspruch auf Wiedergutmachung.
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Quelle: http://www.henryk-broder.de/schmock_der_woche/rupert.html |
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