
|
Der Schmock der Woche Elfriede Jelinek, Fachfrau für Europa-Nachrichten Erst haben die blöden Amerikaner den falschen Präsidenten gewählt, dann die dummen Katholiken den falschen Papst; danach die doofen Nordrhein-Westfalen die falsche Landesregierung und jetzt haben die bescheuerten Franzosen und die beknallten Holländer gegen die EU-Verfassung gestimmt. Und jedes Mal, wenn das Volk anders entscheidet, als das Feuilleton es gerne hätte, sind die Intellektuellen zuerst sprachlos und dann empört. Wie können die Leute nur?! Lesen sie denn nicht den Kulturteil der SZ, schauen sie nicht Kulturzeit auf 3sat, gehen sie nicht in die Volksbühne? Und so kann man dann in allen Zeitungen die Statements der üblichen Knallchargen lesen, die sich von Europa vor allem eines versprochen haben: einen Gegenpol zu Amerika, und die nun erleben, dass sie mit ihren Forderungen und Prognosen wieder schwer daneben lagen. Wie schon öfter in der jüngeren Geschichte: bei der Frage der Abrüstung, der Wiedervereinigung, bei der Intervention im ehemaligen Jugoslawien und im Irak. Sie leben nach einer Regel, die Hanns Dieter Hüsch so formuliert hat: »Mache ich mal einen Fehler, dann mach ich gleich einen zweiten hinterher, so sieht es nach Methode aus.« Wie die Methode aussieht, kann man am Beispiel der österreichischen Schriftstellerin Elfriede Jelinek studieren. Mit ihrem eigenen Leben kommt sie nicht klar, aber sie sagt gerne anderen, wo's lang gehen soll. Als in Österreich die Sozialdemokraten abgewählt wurden, hatte sie angedroht, dass sie im Falle einer Koalition aus ÖVP und FPÖ das Land verlassen würde. Dann überlegte sie es sich doch anders und blieb, denn den besten Kaiserschmarrn gibt es nun mal in Wien. Als ihr der Nobelpreis verliehen wurde, war sie über diese Auszeichnung so »verzweifelt«, dass sie nicht zur Preisverleihung kommen konnte und ihre Putzfrau schicken musste. »Die große Regionalschriftstellerin« (DIE ZEIT) war mal wieder vollkommen überfordert. Iris Radisch fand für das Jelinek-Syndrom die richtige Metapher: »Es sieht in diesem Fall ganz so aus, als habe man einen Hamster im Laufrad den weltweit bedeutendsten Preis für Langstreckenlauf verliehen.« Und nun ist die Jelinek wieder da. Sie gibt Vollgas im Leerlauf. Den Ausgang des Referendums in Frankreich nannte sie »eine ziemliche Katastrophe«, denn: »Das Beste an der Verfassung wäre ja gewesen, dass es sie überhaupt gibt, und das Wichtigste an ihr, dass sie gemeinschaftsbildende Kraft entwickeln beziehungsweise mobilisieren hätte können.« So denkt und spricht und stammelt eine Nobelpreisträgerin. Wo die Gedanken nicht weit reichen, da muss die »gemeinschaftsbildende Kraft« herhalten, wenn es sein muss ergänzt um »vertrauensbildende Maßnahmen« und einen »unvermeidlichen Paradigmenwechsel« im Dienst der »gesellschaftlichen Emanzipation«. Als erstes freilich müssten, fordert die Jelinek, »ab sofort die staatlichen Medien die Hälfte ihrer Nachrichten als Europa-Nachrichten senden…« Für nationale Fragen sollte »nur noch die Hälfte reserviert bleiben«. Das müsste klappen. Die EU richtet eine europäische Rundfunkkammer ein, die dafür sorgen wird, dass die Hörer in Wanne-Eickel genau darüber informiert werden, was in Cinque Terre los ist. Und umgekehrt natürlich auch. Nur so kommt Europa voran. Dann fehlt nur noch eine Radio-Kommissarin, ein Job wie maßgeschneidert für Frau Jelinek, eine verzweifelte Intellektuelle, die wir mit dem »Schmock der Woche« über das Ergebnis des Referendums trösten wollen. Das wäre auch die Nachricht, mit der man heute die Europa-Nachrichten anfangen sollte — wenn es sie schon geben würde.
Copyright © 2005 Henryk M. Broder
Quelle: http://www.henryk-broder.de/schmock_der_woche/jelinek.html |
|
|
Artikelübersicht |
|
Das Blog | Tagebuch | Schmock der Woche | Foto des Tages | Forsicht Freddy! | Fremde Federn | Audio | Bücher | Galerie | Links | Kontakt | Impressum | Sitemap · Letzte Aktualisierung: 5.6.2005 · Copyright © 2005 Henryk M. Broder · Diese Seite ist optimiert für die aktuellen Versionen von Internet Explorer, Netscape oder Firefox · Empfohlene Bildschirmauflösung 1024x768 Pixel