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Der Schmock der Woche Robert Menasse, schon wieder ein Ostmärker, der die Welt retten möchte Seit einem halben Jahr amtiert Y. Michal Bodemann als Schmock der Woche und die Beschwerden meiner Leser werden immer mehr. Nicht gegen die Nominierung an sich, sondern wegen der Dauer. Es müsse doch noch andere würdige Kandidaten geben! Dabei hatte ich schon angekündigt, dass es sehr schwierig sein würde, einen Nachfolger zu finden, denn Bodemann setzt Maßstäbe.
Eigentlich käme nur einer in Frage, sein Münchener Anwalt, der mich vor drei Wochen in Reykjavik anrief, um mich nach meiner Adresse zu fragen, weil er mir im Auftrag von Bodemann eine Einstweilige Verfügung zustellen lassen wollte. Eine Super-Leistung für einen Anwalt, der auch die neue Rechtschreibung perfekt beherrscht und »Differmierung« schreibt. (siehe hier). Aber das wäre zu viel Bodemann & Co. gewesen. Deswegen geht der neue Schmock der Woche an einen Vertreter der jüngeren Generation, den Wiener Schriftsteller Robert Menasse. Menasse, Jahrgang 1954, hat im April/Mai an der Frankfurter Uni eine Vorlesungsreihe unter der Sammelüberschrift »Die Zerstörung der Welt als Wille und Vorstellung« gehalten. Hier die Titel der Vorlesungen im einzelnen:
Menasse fing die erste Vorlesung mit den Worten »Ich bin Gott« an und hätte damit das ganze Projekt auch gleich beenden können, denn wenn einer Gott ist, dann muss er sich nicht erklären und schon gar nicht »Fragen zur poetischen Produktion und ihren Bedingungen« beantworten. Aber so einfach wollte es sich Menasse nicht machen, denn er ist nicht nur Gott sondern auch vielfacher Preisträger. Ihm wurde schon der Heimito-von-Doderer-Preis, der Österreichische Staatspreis für Kulturpublizistik, der Johann-Jakob-Christoph-von-Grimmelshausen-Preis, der Marie-Luise-Kaschnitz-Preis, der Hölderlin-Preis, der Lion-Feuchtwanger-Preis, der Joseph-Breitbach-Preis und der Erich-Fried-Preis verliehen. Menasse hat mehr Preise bekommen als er Bücher geschrieben hat, und das ist eine Leistung, die ihrerseits einen Preis verdient, den Demel-Hawelka-Prückl-Sperl-Preis der Wiener Caféhausbesitzer. Zwischendurch trat Menasse als heftiger Kritiker der österreichischen Zustände auf, dabei machte sich für Jörg Haider stark, weil der das erstarrte österreichische Proporz-System aufzubrechen versprach. Aber das war ihm auf die Dauer nicht genug. Und er wäre nicht der erste Österreicher, der die Welt nach seinem Gusto neu gestalten möchte. Über seine Philosophie der Neuordnung schrieb die Frankfurter Rundschau u.a. folgendes: Menasse geißelte das »System«, das eine Unzeit hervorgebracht habe, ein System, das dafür gesorgt habe, dass es keine Opfer mehr gebe, sondern nur noch solche, »die nicht mehr tough genug sind, sich durchzusetzen«. Er rühmte Karl Marx als einen der bedeutendsten Autoren der deutschen Literaturgeschichte, weil dieser mit dem Kapital einen großen bürgerlichen Entwicklungsroman verfasst habe. Er hielt ein »Plädoyer für die Gewalt« (so der Titel der vierten Vorlesung), in dem er den Terror des 11. September als »unsere Rettung im dialektischen Sinne« bezeichnete und die Terroristen als »Ideal einer individuellen Entfaltung«. Und er bekam Beifall dafür. Das muss man sich mal leibhaftig vorstellen. Ein Wiener Caféhaus-Adabei, der in seinem ganzen Leben noch nie ein größeres Risiko eingegangen ist, als besoffen über den Naschmarkt zu torkeln, hält ein poetisches Plädoyer für die Gewalt und nennt Terroristen das Ideal einer individuellen Entfaltung. Und die Bafög-Empfänger zu seinen Füßen, die sich schon darauf freuen, als promovierte Philosophen von der Sozialhilfe leben zu dürfen, applaudieren. Endlich einer, der es dem System heimzahlt! Wow! Der Herr und sein Gefolge wünschen sich ein kleines reinigendes Stahlgewitter, damit die Welt durch Zerstörung gerettet werde. Mohammed Atta ist ihr Vorbild, aber sie selber leiden unter Flugangst. Das ist nicht mehr degoutant, oder wie die Wiener sagen: ungustiös, das ist schon echt degeneriert. So geht der Schmock der Woche mit einem Sahnehäubchen oben drauf an Robert Menasse für sein bahnbrechendes »Plädoyer für die Gewalt«. Und wenn ich das nächste Mal in Wien zu tun habe und ihn im »Café Central« oder im »Griensteidl« sehe, dann werde ich mich an seinen Tisch setzen und dem Ober zurufen: »Einen großen Braunen für den kleinen Braunen, bitte!«
Copyright © 2005 Henryk M. Broder
Quelle: http://www.henryk-broder.de/schmock_der_woche/menasse.html |
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