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Das Letzte Anis liest sich ein Ich weiß, man kann sich seine Verehrer nicht aussuchen. Trotzdem finde ich, ich habe Besseres verdient. Zuerst war da Frau Krienen, die sich in mich verbissen hatte. Dann kam mein alter Freund Abi Melzer, der größte Verleger aller Zeiten, der mich unter dem Pseudonym Helga Melzer belästigte. Anschließend eine Knallcharge namens Othmar Kaufmann aus Potsdam, der sich über alles aufregte, was er von mir auf achgut gelesen hatte. Und nun ist es Anis Hamadeh, der in Mainz weltberühmte Dichter, Maler und Musiker. Weil in Mainz die närrische Saison noch nicht angefangen hat, haut er schon mal allein auf den Putz und schreibt mir eine Mail: Hallo Herr Broder, weiterhin verfolge ich Ihr Verhalten gegenüber Kritikern und bin zu dem Fazit gekommen, dass Sie kein Mensch sind, mit dem man reden kann. Schade. Sobald ich die Zeit dafür finde, werde ich mich wohl mit Ihrem Werk auseinandersetzen müssen. Ich denke, spätestens am 14.11.2006 wird es losgehen. Ich werde dann eine längere Sache über Sie schreiben und in zwei bis drei Sprachen auf meiner Website veröffentlichen. Natürlich werde ich mir Mühe geben, dass es gut wird und die Menschen bewegt. Es wird eine Satire sein. So long, Diese Drohung hat mir fast ein Wochenende in Reykjavik vernagelt, aber es kam noch besser. Anis Hamadeh bat mich darum, ihm bei den Recherchen über mich zu helfen. Salamaat, und zwar habe ich auf mein heutiges Update ungewöhnlich schnell Antwort bekommen. Ich gedenke den unteren Teil ab QUOTE zu veröffentlichen auf dem Weg. Also demnächst. Es ist mir zwar noch nicht frühgeschichtlich genug, aber ein Anfang. Gibt es vielleicht Schulkameraden von Ihnen, die ich befragen kann, oder Verwandte? Ich hoffe, weiterhin Ihren Erwartungen entsprechen zu können. Gruß, Anis An dieser kurzen und kryptischen Mitteilung hing eine längere Mail dran, die Hamadeh seinerseits von irgendjemand erhalten hatte. Die ging so: Lieber Anis, Ich gebe zu bedenken, dass es in der angelsächsischen Presse eine mir sehr gut erscheinende Sitte ist, dem sozusagen »Beschuldigten« vor Veröffentlichung Gelegenheit zu einer Stellungnahme zu geben und diese ggfalls zu berücksichtigen. Schau, du hörst von mir Dinge, die du zweifellos nicht selbst nachrecherchieren wirst, sondern die du als wahr unterstellst, weil du mir glaubst. Ich kann mich aber geirrt haben oder könnte auch aus irgendeinem Grund bewusst die Unwahrheit sagen. Deshalb finde ich den Brauch, so etwas nicht einfach zu veröffentlichen, ohne es HB zuvor zur Stellungnahme vorzulegen, sehr sinnvoll. Hier die zwar längst verjährte, aber nichtsdestotrotz für Broders Arbeitsweise vielleicht bis heute aufschlussreiche Geschichte, die ich dir schon angekündigt hatte. In der Beilage zur Wochenzeitung »Das Parlament« schrieb Broder am 12. Juni 1976: Am 9. August 1938 erschien der »Völkische Beobachter«, das Kampfblatt der nationalsozialistischen Bewegung Großdeutschlands, mit der Schlagzeile: »In Prag regieren die Juden!« Fast auf den Tag genau 30 Jahre später, am 21. August 1968, erschien das Organ des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, »Neues Deutschland«, mit einer ganz ähnlichen Artikelüberschrift: »In Prag regieren die Zionisten!« Hübsch, oder? Leider von vorn bis hinten erfunden. Ich habe mich ein paar Jahre später in die Uni-Bibliothek gesetzt und die alten Exemplare beider Zeitungen gesichtet. Weder der VB am 9. August 1938 noch das ND am 21. August 1968 hatte die von Broder behauptete Schlagzeile oder Artikelüberschrift. Erst später kam ich dahinter, was sich vermutlich abgespielt hatte. Der Autor Paul Lendvai hatte in seinem 1971 erschienenen Buch »Anti-Semitism in Eastern Europe« einen Satz erwähnt, der im ND am 25. August 1968 in einem Kommentar auf S.2 zu finden war. Er lautete »Zionistische Kräfte haben die Führung übernommen« Gemeint war damit der außerordentliche Parteitag der KPC, der am 22. August 1968, einen Tag nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen in die Tschechoslowakei, unter illegalisierten Bedingungen stattgefunden hatte. Der Kommentar war namentlich mit dem Kürzel W.K. gezeichnet, wobei es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um Werner Kolmar, einen Korrespondenten des ND, handelte. Der Kommentar war erkennbar kein redaktioneller Leitartikel oder gar eine Parteistellungnahme. Broder, der wohl bei der Lektüre des Lendvai-Buches auf den Satz gestoßen war, hatte anscheinend den genialen Einfall, den Satz von W.K. ein bisschen schärfer zu formulieren, ihn in eine »Artikelüberschrift« umzufälschen und dann eine nationalsozialistische Doublette frei zu erfinden. Oder er hat die ganze Sache, was auch nicht auszuschließen ist, von einem phantasievollen Fälscher abgeschrieben. Ich habe mich vor einigen Jahren schriftlich an Broder gewandt und ihn gefragt, woher er die Geschichte mit den beiden Überschriften hat. Denn im Völkischen Beobachter und im Neuen Deutschland kann er sie ja nicht gefunden haben. No reply! So lernte ich gleich einen weiteren Verehrer kennen, der sich schon seit 1976 mit mir beschäftigte. Ich hätte mich gerne für die langen Jahre der Treue bei ihm bedankt, wenn Hamadeh die Identität seines Informanten nicht für sich behalten hätte. Also blieb mir nur übrig, an Hamadeh zu schreiben und mich bei ihm für so viel Aufmerksamkeit zu bedanken: salam, habibi, ich bin geehrt und geschmeichelt, dass ein so bedeutender dichter wie sie so viel zeit darauf verwendet, sich mit mir zu beschäftigen. womit habe ich diese ehre verdient? sie haben eine 3o jahre alte geschichte gefunden, die schon damals nicht stimmte. ich weiß nicht, welcher schwachkopf sie sich ausgedacht hat, aber er hatte, so wie sie heute, das bedürfnis, mir unbedingt auf die pelle rücken zu wollen. damals war es mir egal, heute bin ich wählerischer geworden und lass nicht jeden ran. es steht ihnen frei, diese geschichte zu verwenden. es steht ihnen ebenso frei, dafür eine EV von mir zu kassieren. fragen sie mal den anwalt des frührentners im unruhestand, wie viel so was kostet. und richten sie ihrem gewährsmann aus, dass er ein prima blockwart ist, aber sonst wenig taugt: die ND-ausgabe, die er nicht finden konnte, gibt es, sie ruht sicher in meinem archiv. wie andere zeitungen hat auch das ND gelegentlich geschichten und überschriften je nach ausgabe ausgewechselt. verstanden, habibi? und jetzt gönnen sie sich einen arrak und schreiben noch ein krokodil-gedicht. b. Jetzt warte ich nur noch darauf, dass Hamadeh rausfindet, dass ich ebenfalls Ende der 7oer wegen Beleidigung eines Richters (Viktor Henry de Somoskeoy) von einem Kölner Gericht zu 3.ooo,- Mark Geldstrafe verurteilt wurde. Falls er über diesen Fall etwas im ND findet.
Copyright © 2005 Henryk M. Broder
Quelle: http://www.henryk-broder.de/tagebuch/anis.html |
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