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Bungee-Jumping ohne Seil

Was Mathias Bröckers mit Kardinal Meisner verbindet

Für die Versicherungsgesellschaften ist die Risikoberechnung die Grundlage ihres Geschäfts, für manche Zeitgenossen nur ein lustiges Gedankenspiel, mit dem sie ihre Coolness unter Beweis stellen. Als nach den Anschlägen in der Londoner U- Bahn vom 7.7.2oo5 die Option diskutiert wurde, die Bundeswehr auch im Inland einzusetzen, um gefährdete Objekte zu schützen, schrieb Mathias Bröckers in seinem Weblog bei 2oo1 eine Kolumne über »Die Heimtücke der Haushaltsleiter«, in der er darüber räsonnierte, was gefährlicher ist: bei einem Terroranschlag ums Leben zu kommen oder daheim von der Leiter zu fallen.

Hier der komplette Text der Kolumne, damit sich Bröckers nicht, wie üblich, darüber beschwert, er sei sinnentstellend zitiert und aus dem Zusammenhang gerissen worden:

Mathias Bröckers im freien Fall

Zwar ist hierzulande die Wahrscheinlichkeit, bei einem Sturz von einer Haushaltsleiter ums Leben zu kommen um ein Vielfaches höher als ein Opfer des Terrorismus zu werden, aber auf die Idee, einen Krieg gegen den Leitertod zu führen, kommt niemand. dass Haushaltsleitern eine »ernste Bedrohung« für unser Land darstellen, hat man noch niemanden sagen hören, und wer fordern würde, angesichts der dramatischen jährlichen Todesrate die Bundeswehr einzusetzen, machte sich lächerlich. Auch wenn der Bereitschaftsdienst eines Soldaten pro Wohnblock, der schwindelanfälligen alten Damen jederzeit beim Auswechseln von Glühbirnen zur Hand geht, die Sicherheit des Landes natürlich erhöhen würde. Auch für gelegentliche Heimwerker wie meinen Freund W. — einen riskiofreudigen Liebhaber schneller Motorräder, der sich nicht bei Tempo 250, sondern beim Sturz von einer fünfstufigen Haushaltsleiter lebensgefährlich verletzte — könnte so ein stets abrufbarer Leiterdienst der Bundeswehr die Sicherheit erheblich erhöhen. Die unschuldige Hausfrau und Mutter, die beim Gardinenaufhängen ins Taumeln gerät und rummmms… drei Waisen hinterlässt, — sie könnte gerettet werden, wenn wir die Armee künftig im Inneren unser Haushalte einsetzten. Wobei Haushaltsleitern, die ihre ahnungslosen Opfer heimtückisch in den Tod reißen, ja nur ein Beispiel für die vielfältigen Gefahren sind, die den Bürgerinnen und Bürgern innerhalb ihrer eigenen vier Wände drohen; gerade da, wo sie sich am sichersten fühlen, lauern paradoxerweise die unheimlichsten Gefahren. dass hier zum Zwecke der Gefahrenabwehr dringender Handlungsbedarf besteht, leuchtet unmittelbar ein; das Leben Tausender Unschuldiger — vor allem Frauen, Alte und Kinder — könnte künftig gerettet, wenn diese Sicherheitslücke durch die Bundeswehr geschlossen wird.

Man muss Bröckers' Überlegungen aus seinen Lebensumständen heraus verstehen. Da, wo er sich die meiste Zeit aufhält, ist das Risiko, bei einem Terroranschlag ums Leben zu kommen, in der Tat extrem gering. Es riecht nach kaltem Rauch und alten Socken, und die einzige Gefahr, die ihm droht, ist die, sich beim Öffnen einer Dose »baked beans« am Däumchen zu verletzen. Nur Paranoiker, die jeden Tag die U-Bahn oder einen Pendlerzug benutzen müssen, um zur Arbeit zu kommen, könnten die Sache anders sehen. Die haben inzwischen ein ungutes Gefühl, wenn sie irgendwo eine allein reisende Aktentasche oder einen herrenlosen Rucksack entdecken.

Man könnte auch, aus der Sicht von Bröckers, einen kleinen Versuch starten und ein paar Überlebende der Anschläge von Istanbul, Madrid und London besuchen. Einige liegen noch im Krankenhaus, andere bewegen sich im Rollstuhl, weil sie ein Beinchen verloren haben, wieder andere sind auf Hilfe angewiesen, wenn sie sich den Hintern abwischen möchten, weil sie keine Ärmchen mehr haben. Man müsste diese Leute fragen: Wie finden Sie die Risiko-Theorie von Bröckers? Einleuchtend, nicht wahr? Und wenn sie sich nicht einsichtig zeigen, sollte man ihnen sagen: Seien Sie doch froh, dass sie nicht beim Haushaltsputz von der Leiter gefallen sind, dann wären Sie nämlich höchstwahrscheinlich schon tot! Das dürfte reichen, um auch die letzten Nörgler mit ihrem Schicksal zu versöhnen.

Was aber würde passieren, wenn Bröckers selbst Opfer eines Terroranschlags würde, was wir ihm natürlich nicht wünschen, weil zufällig und versehentlich vor seiner Wohnung ein mit Dynamit beladenes Auto vorzeitig explodiert? Er selbst könnte dann keine Stellungnahme mehr abgeben, aber die Leute von 2oo1, die seine Risiko-Kalkulationen verbreiten, würden ihm sicher einen schönen Nachruf hinterher schicken.

»Unser Autor hatte großes Glück. Er ist nicht von der Haushaltsleiter gefallen.«

Ganz anders aber irgendwie doch ähnlich wird die Situation von dem Kölner Kardinal Joachim Meisner beurteilt. Im Vorfeld des »Weltjugendtages« gab er SPIEGEL ONLINE ein Interview, in dem er auch über die Möglichkeit eines Terroranschlags laut nachdachte. Hier die entsprechende Passage im Wortlaut:

SPIEGEL ONLINE: In wenigen Tagen beginnt der Weltjugendtag in Köln. Tausende Menschen mit Rucksäcken werden erwartet. Fürchten Sie einen Terroranschlag?

Meisner: Nein. Gott wird uns vor einer Katastrophe schützen. Es gibt auch gar keine Veranlassung für einen Anschlag. Beim Weltjugendtag geht es darum, Werte in der Welt zu stärken.

SPIEGEL ONLINE: Terroristen scheren sich aber nicht um Ihre Werte.

Meisner: Sie werden mich vielleicht für verrückt halten, doch ich bete jeden Abend für die Terroristen. Der Segen Gottes kann aus Terroristen Heilige machen: Man muss das Böse durch das Gute überwinden. Ich habe mich noch keine halbe Minute mit der Frage beunruhigt, dass es hier auch losgehen könnte. Gott wird dafür sorgen, dass es gut geht.

Amen. Ein Geistlicher, der sich auf Gott verlässt, handelt so leichtfertig wie ein Arzt, der glaubt, er könnte nicht krank werden. Oder ein Pilot, der beim Landeanflug im Vertrauen auf den Lotsen im Tower die Augen schließt. Oder ein Bungee-Jumper, der beim Absprung auf das Seil verzichtet. Natürlich kann man auch Meisners Haltung zum Terror aus seinen Lebensumständen heraus erklären. Hat der Kardinal jemals im Leben etwas riskiert? Wann war er zuletzt allein bei Aldi? Ruft er keinen Arzt, wenn er krank wird? Verlässt er sich darauf, Gott werde schon »dafür sorgen, dass es gut geht«?

Papst Johannes Paul II. war ein extrem freundlicher und liebenswerter Mann (obwohl er ein Pazifist war). Aber auch er wurde von einem Terroristen angegriffen. Gab es dafür eine »Veranlassung«? Oder hat Gott einfach ein Nickerchen gemacht? Klug wie er war, hatte JP 2 kein unbegrenztes Vertrauen in die Macht Gottes. Er fuhr lieber in einem Papamobil, das mit Panzerglas gesichert war. Stellt man Meisners Sätze vom Kopf auf die Beine, wird deren Sinn klar. Dort, wo Gott nicht dafür gesorgt hat, »dass es gut geht«, gab es eine »Veranlassung«. In Istanbul, London und Madrid. Und von Tel Aviv und Jerusalem wollen wir gar nicht erst reden, denn die Opfer dort waren Juden, und die gehören zum auserwählten Volk, das ER besonders gerne leiden lässt. Es traf also keine Unschuldigen, Gott hat die Terroristen gewähren lassen, obwohl er sie hätte stoppen können.

Im Strafgesetz nennt man so etwas »Beihilfe«, in leichteren Fällen »unterlassene Hilfeleistung«. Was wäre, wenn man Gott deswegen anzeigen würde? Dann würde Bröckers vermutlich wieder aufwachen und den Pflichtverteidiger machen. Die Wahrscheinlichkeit, von Gott im Stich gelassen zu werden, sei noch geringer als die Wahrscheinlichkeit, dass er, Bröckers, der Nachfolger von Meisner wird. Freilich, ein Restrisiko bleibt, und deswegen hilft nur eines: beten, beten, beten.

HMB, 14.8.2oo5

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Quelle: http://www.henryk-broder.de/tagebuch/broeckers.html

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