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Das Letzte Das System Friedman Der Bernd, der Mischu, das Bärbel und die Literatur Aus einem Gespräch der WELT KOMPAKT mit Michel Friedman über »späte Vaterschaft und sein Romandebüt« vom 26.5.2oo5: WELT KOMPAKT: Henryk M. Broder unterstellt Ihnen, Ihr Roman sei eine Rechtfertigungsschrift in eigener Sache, um ihr Comeback zu beschleunigen. Friedman: Ach, das ist so unter der Gürtellinie, dass ich mich dazu nicht äußern will. Nun, ich bin noch an vielen Orten nicht gewesen, aber die Orte, die ich mit absoluter Gewissheit nicht besuchen möchte, sind: Unter dem Sofa von Antje Vollmer, unter dem Schminktisch von Iris Berben und unter der Gürtellinie von Michel Friedman. Eher esse ich Froschschenkel in Aspik oder Suppe vom fermentierten Hai. Ich möchte nur klar stellen, dass ich nichts, wirklich nichts gegen Michel Friedman habe, dass ich ihn im Gegenteil bewundere. Vom »Krawattenmann des Jahres 2ooo« zum Romanautor im Jahre 2oo5, das ist ein Weg, den auch ich gerne gegangen wäre, wenn das Schicksal mir die Chance dazu gegeben hätte. Nun ist es so, dass »Krawattenmann« genau so wie »Moderator« oder »Romanautor« ein nicht geschützter Begriff ist, jeder kann es werden, jeder kann sich so nennen. Und in einem Land, in dem Claudia Roth Parteivorsitzende, Daniel Küblböck ein Star und Christian Anders ein Prophet werden kann, steht auch dem Krawattenmann des Jahres der Aufstieg in die Welt der Literatur offen. Heute liest ihn Deutschland, morgen sieht ihn die Welt. Die Berliner Filmproduzentin Regina Ziegler (»Winnetous Rückkehr«) hat bereits angekündigt, sie werde das Buch nächstes Jahr mit internationaler Besetzung verfilmen. »Friedmans Roman wird Hollywood-Schinken« titelte die BZ. Noch weiß man nicht, wer den »Julien« (also Friedman) spielen wird — Richard Gere, Tom Hanks, Gene Hackman oder Kai Diekmann? — und welcher der vier Tele-Tubbies die Rolle seines Sohnes übernehmen soll. Aber bestimmt wird der Film die Gemüter ebenso bewegen wie das Buch, denn nachdem Aharon Appelfeld, Edgar Hilsenrath, Imre Kertesz, Ruth Klüger, Amos Az, Leon de Winter und viele andere versagt oder gekniffen haben, nimmt sich Friedman eines vernachlässigten Themas an: »Die intellektuelle Aufarbeitung, was im Dritten Reich passierte, reicht nicht aus. Deshalb habe ich einen Roman geschrieben, der sich ganz gefühlvoll mit diesen Problemen beschäftigt.« (BZ, 27.5.) Ganz gefühlvoll, echt sensibel und irgendwie ökologisch. Nicht nur, dass er Dönekes recycelt, die man in jedem Buch mit jüdischen Anekdoten finden kann, er benutzt auch wortwörtlich Sätze aus Reden und Artikeln, die seinen Ruf als moralische Autorität begründet haben. Das ist bewährt und spart Zeit beim Dichten. Aufschlussreicher noch als die Art, wie Friedman Literatur produziert, ist die Methode, wie das System Friedman funktioniert. Nachdem er sich eine Weile aus der Öffentlichkeit zurückziehen musste, um sich von den After-Work-Strapazen zu erholen, bekam er Asyl von Lucretia Jochimsen, früher Chefredakteurin des HR, heute Kolumnistin für das Neue Deutschland, in deren italienischer Datsche. Letztes Jahr bekam Friedman Gelegenheit, sich bei seiner Bewährungshelferin zu bedanken. Im Aufbau Verlag seines Freundes Bernd Lunkewitz erschien »Dieses Jahr in Jerusalem« von Luc Jochimsen, herausgegeben von Michel Friedman, eines der überflüssigsten Bücher des Jahres, das von der Kritik und dem Publikum zu Recht mit Nichtachtung honoriert wurde, weil es schon eine Reihe guter und lesenswerter Herzl-Biografien gibt, die von kompetenteren Autoren geschrieben wurden, u.a. Amos Elon. Und Regina Ziegler, die Friedmans »Roman« mit internationaler Besetzung verfilmen will, hatte die Ehre, für ihn eine »Welcome Back«-Party nach Ablauf einer einjährigen Schamfrist zu geben. Die Mühe soll weder umsonst noch vergeblich gewesen sein. Man kennt sich, man hilft sich. Bei der Vorstellung des Friedman-Buches im Berliner Literaturhaus am 25.3. hielt Lunkewitz eine kurze Begrüßungsrede, in der er sich vor allem mit meinem Text beschäftigte, der drei Tage vorher im SPIEGEL erschienen war. Den fand er so empörend, so unerhört, so skandalös und so verboten, dass er sagte: »Henryk Broder, der den Mut oder besser gesagt die Chuzpe hat, heute hier zu sein.« Daraufhin schauten einige der Gäste zu Boden oder auf die Decke, andere drehten sich um und glotzten mich an, als hätte Lunkewitz gesagt, zu der Lesung sei auch Osama Bin Laden gekommen. War ich in eine Kokser-Höhle oder einen Edel-Puff geraten, in die man nur reingelassen wird, wenn man sich mit der Platinum-Karte von Sotheby's ausweisen kann? Oder war es eine öffentliche Veranstaltung, zu der zwar fast nur Friedman-Freunde gekommen waren, die aber trotzdem mit meinen Steuern finanziert wurde? Die Kurbelwelle des Friedman-Systems ist freilich Bernd Lunkewitz, früher praktizierender Maoist, heute millionenschwerer Immobilien-Besitzer. Er hat sich aus bescheidensten Anfängen mit Fleiß und Ausdauer hochgearbeitet und gehört heute zu den Spitzen der Frankfurter Gesellschaft, wovon auch sein Spitzname zeugt: »Halunkewitz«. Nach der Wende hat Lunkewitz den Aufbau Verlag von der Treuhand gekauft. Seit er mit den Tagebüchern von Victor Klemperer einen Überraschungserfolg erzielte, hält er sich für einen Experten in Sachen Juden, jüdische Geschichte und verlegerische Kompetenz. Deswegen hat er auch Stefan Effenberg und Franzika von Almsick verlegt. Lunkewitz hat alles, wovon ein Mann nur träumen kann. Viel Geld, dicke Zigarren und ein Haus bei Frankfurt, das der Architekt von Julius Cesar und Donald Trump entworfen hat, mit Säulen, Erkern, Möbeln, Tapeten und Gardinen aus dem Fundus von Ben Hur und dem Mainzer Carnevals-Verein. Nur gelegentlich macht auch Lunkewitz die Erfahrung, dass es Sachen gibt, die man mit Geld nicht kaufen kann, z.B. Manieren und das Gefühl für Timing. Was es auch war, Lunkewitz verließ die Lesung als erster, weil seine Frau an diesem Abend ein Kind erwartete, sagte er. Ich vermute aber, dass er sich den Friedman-Text, vom Autor selber gelesen, nicht antun wollte, was, wenn es so wäre, immerhin für ihn sprechen würde. Friedman las fast eine Stunde, ganz sensibel und echt betroffen von seiner eigenen Rührung. Er las auch das Kapitel, in dem die Familie Friedman das Pessach-Fest feiert. »Den Auszug aus Ägypten. Vor zweitausend Jahren.« So steht es im Buch auf Seite 27. Aber Friedman las nicht »Vor zweitausend Jahren«, er las: »Vor dreitausend Jahren.« Denn er hatte meinen Text im SPIEGEL gelesen und meine Anregung aufgenommen, dass der Auszug der Israeliten aus Ägypten vor über 3.ooo Jahren stattgefunden hatte. Der kleine Fehler im Buch war keinem im Verlag aufgefallen, was sind schon 1ooo Jahre Differenz, es ist ja ein Roman, und da darf man mit Fakten ein wenig spielen. Vorher schon hatte Friedmans Frau, Bärbel Schäfer, rumgemault: »Dass der sich noch traut, herzukommen…« und nicht ihren Mann, sondern mich gemeint. So schnell kann das gehen: Gestern noch Domina im Unterschichten-Fernsehen, heute schon literarische Kaschrut-Aufseherin und Benimm-Expertin. Im Esrat Ha_Schem! In der Szene heißt es, auch Bärbel Schäfer würde an einem Roman arbeiten, der »Er ist der Richtige« heißen soll. Oder so ähnlich. Jedenfalls soll es eine total fiktive Geschichte werden, wie »Kaddisch im Morgengrauen«. Für die Präsentation im Berliner Literaturhaus hab ich mir jetzt schon eine Karte zurücklegen lassen. Wird das wieder eine geile Mutprobe.
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Quelle: http://www.henryk-broder.de/tagebuch/friedman.html |
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