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Gad Granach zum 90. »Deutsche Juden im Ausland halten zusammen!« Als ich Gad (früher Gerhard) Granach kennen lernte, da war er etwas älter als ich heute bin, und ich war ein junger Mann. Heute bin ich gealtert, Gad aber ist einfach stehen geblieben, angeblich wird er am 29. März 9o Jahre.
Es gab eine große Party zu seinem 7o. Geburtstag, eine noch größere zu seinem 8o., da hatte er alle seine »Bräute« eingeladen, nun wird es ein Mega-Fest zu seinem 9o. geben. Für mich aber ist und bleibt er Granach der Jüngere, Sohn von Alexander Granach, der alle großen Gaben des Galizianers geerbt hat. Wie sein Vater ist auch Gad ein wunderbarer Schauspieler, nur dass er in seinem Wohnzimmer statt auf einer Bühne auftritt, er macht sich jeden Tag über das Leben lustig, das er zugleich mit beiden Händen festzuhalten versucht. Und er liebt Frauen mit einer Ausdauer und Gerechtigkeit, die vorbildlich sind. Das Alter ist ihm (fast) egal, das Äußere (ziemlich) unwichtig, das Temperament so gut wie wurscht. Hauptsache, sie sind jung, sehen gut aus und freuen sich, dass sie ihm gefallen. Was ich am Gad am meisten schätze: er kann herrlich kochen. Seine Spezialität sind »Knafayim«, Hühnerflügel, und die »gedrängte Wochenübersicht«, die es bei ihm meistens Freitagabend gibt, eine Art Eintopf, in dem alles verkocht wird, was im Laufe der Woche übrig geblieben ist. Eine deftige Delikatesse, nur mit einer Paella oder einem Irish Stew zu vergleichen. Ich saß fast jeden Freitagabend bei ihm, Gad erzählte aus seinem Leben, ich kaute. Einmal hatten wir Besuch. Babsi und Dani. Nach dem Essen gingen die beiden zusammen weg, während Gad und ich den Tisch abräumten und das Geschirr spülten. »War es nicht wieder ein schöner Abend?« fragte ich. »Ja«, sagte Granach, »und jetzt turnt er auf meinen Hühnerflügeln.« Es war nicht einmal böse gemeint, nur ein Hinweis auf eine Art der Arbeitsteilung, die er schon öfter erlebt hatte. Ich weiß nicht, was aus Granach geworden wäre, wäre er in Berlin geblieben, das er in den 3oer Jahren verlassen musste. Er ging ja nicht aus Überzeugung nach Palästina, sondern aus Deutschland. Und es war nicht die Liebe nach Zion, die ihn umtrieb, sondern der Hass der Nazis. Schade, dass man die Uhr nicht zurück drehen und ein Leben noch einmal leben kann. Granach im Jahre 2oo5 in Berlin? Ein Playboy wie Rolf Eden? Ein Guru wie George Tabori? Ein Automat wie Johannes Heesters? Eine Tischkarte im Altenheim der Jüdischen Gemeinde? Ich mag mir das alles gar nicht vorstellen. Gad hat Glück gehabt, Jerusalem hat Glück gehabt, ich habe Glück gehabt, dass ich ihn rechtzeitig kennengelernt habe, im Supersol-Supermarkt in Rehavia beim mitternächtlichen Einkauf. Da flitzte er mit seinem Einkaufswagen durch die Gänge, und wann immer er einen »Jecke« sah, rief er quer durch das Geschäft: »Wir deutschen Juden im Ausland halten zusammen!« So soll es sein. Bis 12o.
Copyright © 2005 Henryk M. Broder
Quelle: http://www.henryk-broder.de/tagebuch/granach.html |
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