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Happy Iceland (Teil 4)

Als Björk arabische Jungen besang

Das vermutlich kleinste Musik-Museum der Welt steht in einem 200-Seelen-Dorf im Nordwesten Islands. Der Gründer war früher selbst ein bekannter Sänger. Heute führt er Besuchern seine Sammlung vor - und singt manchmal auf Trauerfeiern.

Plattensammler Olafsson: 300 Gäste im Jahr (Anklicken zum Vergrößern)
Plattensammler Olafsson: 300 Gäste im Jahr

Jon Kristian Olafsson sammelt Schallplatten wie andere Leute Schmetterlinge. Er legt sie unter Glas, rahmt sie ein und hängt sie an die Wand. Abgebrochene Teile werden wieder angesetzt, das Exponat an der Rückseite des Rahmens beschriftet. Jon weiß nicht, wie viele Singles, Schellacks und Vinyls er hat, es können einige Hundert oder auch Tausend sein, sie füllen die Wände seines Hauses in Bildudalur am Arnarfjördur im äußerten Nordwesten Islands, sogar das Bad ist mit Platten tapeziert. Zwischen den Scheiben hängen Fotos, Plakate, Programmzettel, Prospekte.

Das größte Exponat, das dem Besucher sofort ins Auge fällt, ist ein naturalistisches Gemälde, das vier ordentlich frisierte junge Männer in grünen Smoking-Jacken zeigt, die Gruppe Facon, der zweite von rechts ist Jon Kristian Olafsson, der Sänger. Man habe von 1962 bis 1969 zusammen gespielt, eine lange Zeit für eine Popband, sagt Jon, und in seiner Tenor-Stimme liegt Wehmut. Inzwischen hat er kräftig zugenommen, die Haare sind grau geworden und er sieht ein wenig wie ein Loriot-Männchen aus. Aber er singt immer noch. Zuletzt hat er zwei CDs herausgebracht, »Haustlauf« (Herbstlaub) und »Kvöldkyrrd« (Abendstille). Es sind die einzigen CDs, die er in seinem Haus voller Vinyl duldet.

Jon Kristian Olafsson ist der Gründer und Leiters des wohl kleinsten Musik-Museums der Welt, »Melodiur Munninganna«, (Melodien der Erinnerung), das er vor fast sechs Jahren, am 17. Juni 2000, dem isländischen Nationalfeiertag, eröffnet hat. Doch Sammeln tut er schon viel länger, »seit über 40 Jahren, solange ich mich erinnern kann.«

1940 in Bildudalur geboren, hat er bis zum 14. Lebensjahr die örtliche Schule besucht, dann in der Fischindustrie gearbeitet und »alle möglichen Jobs gemacht«, wie alle jungen Leute seinerzeit. Schließlich lernte er, wie man Häuser anstreicht und renoviert — auch dies ein auf Island sehr nützlicher und gefragter Beruf. Der Vater war Fischer, er ging in einem Sturm mit seinem Boot unter, als Jon drei Jahre alt war, ein Jahr später heiratete die Mutter wieder.

Björks erste Platte: In Island kommt man an ihr nicht vorbei (Anklicken zum Vergrößern)
Björks erste Platte: In Island kommt man an ihr nicht vorbei

Mit dem Singen fing Jon schon früh an, erst in der Sonntagsschule und nach der Pubertät im Kirchenchor von Bildudalur. Und dann ergab sich alles von ganz allein. In einem so kleinen Land wie Island fallen Talente schnell auf. In den siebziger und achtziger Jahren, nachdem sich Facon aufgelöst hatte, trat er mit den Bands von Haukur Morthens und Jon Sigurdsson auf, die damals so bekannt und erfolgreich waren wie Studmenn oder Sigur Rós heute. Aber man spielte natürlich nicht Rockmusik, sondern isländische Klassik wie das »Reiterlied« von Grimur Thomsen und Sigvaldi Kaldalons, dazu »Pop-Musik aus aller Welt auf Isländisch«, Titel von Tom Jones, Cliff Richard und Engelbert Humperdinck. Noch heute ist »Release Me« Jons Lieblingslied. »Wir sind in den besten Häusern aufgetreten«, erzählt er, darunter auch im Hotel Borg in Reykjavik, wo in den vierziger Jahren Marlene Dietrich gewohnt hat.

In den letzten Jahren sind die Auftritte selten geworden. Dieses Jahr hatte er noch keinen einzigen »Gig«, letztes Jahr war er dreimal Gast im »Broadway«, der größten Disko in Reykjavik, und hat bei Trauerfeiern für Verstorbene in Bildudalur und in den Nachbardörfern gesungen.

Jon lebt von 80.000 Kronen (etwa 1000 Euro) monatlicher Rente, umgeben von Trouvaillen der isländischen Musikgeschichte. Die älteste Platte stammt aus den zwanziger Jahren, es ist eine Aufnahme (»Winter«) von Petur Jonsson (1884-1956), der vor allem Wagner gesungen hat. Daneben hängt das »Einsöngvara Kvartettin«, das Quartett der Solisten, die isländische Version der Comedian Harmonists.

Im Nebenzimmer lächeln »Elly og Vilhjälmr«, Elli und Willi, von der Wand, die Kessler-Zwillinge der Isländer, nur eben Schwester und Bruder, keine Zwillinge. Sie schauen auf das Plakat von Bjarni Bödvarsson, der mit seiner Bigband (»Danshljomsveit«) in den vierziger Jahren Swing gespielt hat. Dessen Sohn Ragnar Bjarnson, inzwischen über 70, tritt immer noch auf und gilt als »der isländische Sinatra«. In einer Ecke versteckt sich die erste Platte von Björk, »Arabadrengurinn«, der arabische Junge, da war Björk erst zwölf Jahre alt und führte noch ihren bürgerlichen Nachnamen Gudmundsdottir. Jon mag Björk nicht besonders, aber wer isländische Musik dokumentieren will, kommt an ihr nun einmal nicht vorbei.

Olafsson-Band Facon: "In den besten Häusern aufgetreten" (Anklicken zum Vergrößern)
Olafsson-Band Facon: "In den besten Häusern aufgetreten"

Und dann sind da noch die vielen Namen, die dem Besucher vom europäischen Festland nicht viel sagen, den Isländern aber die Welt bedeuten: Maria Markau und Gudrun Simonar, Stefan Islandi und die Milljona-Maeringarnir, ein Sextett, das die langen dunklen Nächte auf Island mit guter Laune aufhellt.

Jon Kristian Olafsson führt ein beschauliches Leben. Jeden Tag geht er zum Mittagessen in das Restaurant »Vegamot«, das einzige in Bildudalur, und freut sich, wenn Gäste kommen, die sein Museum besichtigen wollen. Es sind nicht viele, etwa 300 im Jahr, denn das Museum hat nur im Hochsommer geöffnet, also von Anfang Juni bis Mitte August. Wer außerhalb der Saison kommen will, muss sich vorher telefonisch anmelden. Wer aber eine alte Platte mitbringt, die in Island hergestellt wurde und die Jon noch nicht hat, braucht keinen Eintritt zu bezahlen und bekommt im Tausch eine Platte von Haukur Morthens geschenkt: »Gyda mit dem gelben Kleid«. Haukur Morthens, Jons großes Vorbild, wurde vor 80 Jahren am 17. Juni geboren. Am 17. Juni 1944 erklärte sich Island von Dänemark für unabhängig. Das Musik-Museum der Erinnerungen von Jon Kristian Olafsson wurde ebenfalls am 17. Juni eröffnet. Auch in Island, wo vieles anders ist als anderswo auf der Welt, sind aller guten Dinge drei.

HMB, 5. Mai 2005

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Quelle: http://www.henryk-broder.de/tagebuch/island4.html

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