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Das Letzte Hässlich, hässlicher, am hässlichsten — Köln am Rhein Wie hässlich Köln wirklich ist, merkt man erst, wenn man dort eine Weile nicht gewesen ist. Die Metropole der rheinischen Heiterkeit ist nämlich nicht nur hässlich, sie ist dynamisch hässlich. Das heißt, sie wird immer hässlicher. Eine Zumutung für das Auge, ein paar Straßen in Lindenthal und die Gegend rund um den Volksgarten mal ausgenommen.
Und es wird fleißig daran gearbeitet, die Hässlichkeit zu konservieren. Als ich Anfang der 8oer aus Köln weg ging, wurde der Übergang von der Domplatte zum Bahnhof gerade umgebaut. Er wird immer noch umgebaut, 25 Jahre später hat sich nichts geändert, nur dass die Baustelle größer wurde. Das heißt, es hat sich doch was geändert. Die Reibekuchen-Bude, die auf dem Bahnhofsvorplatz stand und den Duft von altem Bratöl verströmte, ist verschwunden. Immerhin. Und die Ladenpassage, die im Bahnhof eingerichtet wurde, heißt »Colonaden«, ein subtiles Wortspiel, das auf »Cologne« basiert. Ebenso gut könnte man einen Flohmarkt in Gummersbach »Guggenheim« nennen. Zwischen dem Rudolfplatz und dem Friesenplatz ist eine Flaniermeile entstanden, mit neuen Geschäften, Cafés und allerlei Outlets, sozusagen die Via Veneto der Domstadt. Da tobt das Leben auf etwa einem Kilometer, und wer echt was erleben will, geht vom Rudolfplatz zum Friesenplatz auf der einen Seite und vom Friesenplatz zum Rudolfplatz auf der anderen Seite zurück. Früher hat mich die Gegend rund um den Eigelstein angezogen, was vor allem an einem Antiquariat lag, in das wir in der großen Pause rannten, um uns in einem Buch von van de Velde (»Die Ehe«) schematische Darstellungen der weiblichen Sexualorgane anzugucken. War das aufregend! Dann rannten wir in die Schule zurück, und wenn die Lehrerin die Klasse betrat, grinsten wir uns wissend zu. Obwohl wir uns kaum vorstellen konnten, dass die BDM-Matrone mit dem Dutt auf dem Kopf und dem Kernseifen-Aroma um sich herum auch so was hatte. Jetzt habe ich zufällig in einem Hotel gleich um die Ecke vom Eigelstein gewohnt. Das Antiquariat gibt es immer noch, alles übrige auch. Nur: Jedes Dorf in Ostanatolien ist aufgeräumter, sauberer, anziehender. Das muss man wirklich können, eine Gegend dermaßen verkommen zu lassen. Und dann die Schildergasse und die Hohe Straße, die Kärntner Straße und die Kaufinger Straße der Kölner! Man müsste sie nur in in die »Straße der deutsch-sowjetischen Freundschaft« umbenennen und kleine Schilder aufstellen: »So hat es in Halle und Erfurt in den 7oer und 8oer Jahren ausgesehen.« Köln ist heute, vom Dom abgesehen, die Replika einer DDR-Stadt vor der Wende. Traurige Gestalten schleichen über holperige Straßen, schauen einen müde und flehend an: »Holt uns hier raus!« Viele halten sich an einer Bierflasche fest, die sie längst geleert haben, das Flaschenpfand ist ihr einziges Kapital. Sie wissen: Den Überlebenden des Tsunami in Indonesien geht es inzwischen, dank der internationalen Hilfe, besser als es ihnen jemals gehen wird. Dennoch ist Köln besser als sein Ruf. Es heißt ja, dass man in einem normalen Kölner Café nicht bedient wird, wenn man nicht schwul ist und/oder Kölsch spricht. Das zumindest stimmt nicht. Bei Kamps und bei Merzenich bekommt jeder einen Streuselkuchen, wenn er nur den Zeigefinger ausstreckt und »dat da!« sagt. Eine Bar am Rudolfplatz heißt sogar »Zur wilden Muschi« und wird sicher nicht von Katzenliebhabern besucht. Leider war sie um 12 Uhr mittags noch zu, denn das Kölner Nachtleben fängt erst um 15 Uhr an. Aber wenn ich das nächste Mal in Köln bin, schau ich mir die wilde Muschi mal aus der Nähe an. Wie damals die Zeichnungen in dem Antiquariat am Eigelstein. Wird das aufregend!
Copyright © 2005 Henryk M. Broder
Quelle: http://www.henryk-broder.de/tagebuch/koeln.html |
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